Kurzinterview mit dem MDR

Bereits am vorvergangenen Mittwoch habe ich mit MDR Aktuell über das gute Wahlergebnis der AfD bei der thüringischen Landtagswahl gesprochen.

Dabei ging es nicht nur um Instagram in der politischen Kommunikation, sondern auch über die Frage, wie dieser Kanal auf die politische Entscheidung von Individuen wirkt. Die im Beitrag erwähnten Ergebnisse befinden sich derzeit im Review. Die zugehörige Studie wird hoffentlich noch vor Weihnachten hier verfügbar sein.

Der Mitschnitt zum Beitrag von Redakteurin Lily Meyer ist hier verfügbar:

https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/beste/audio-1211020.html

Kurzinterview mit dem MDR

Predictably irrational?

Schon länger beschäftige ich mich mit der Rolle von Charisma und äußerlichen Merkmalen in der politischen Kommunikation. Angesichts einer sich stetig professionalisierenden Selbstvermarktung von politischen Persönlichkeiten kann der buchstäblich erste Eindruck durchaus darüber entscheiden, ob ein Like gesetzt, ein Profil abonniert und in letzter Konsequenz ein Kreuz gesetzt wird.
Insbesondere hinsichtlich der Frage, wie Menschen politische Informationen konsumieren und entsprechende Entscheidungen treffen, wird Charisma so zu einer relevanten Komponente innerhalb von Kampagnen und Wahlkämpfen. Doch: wie entsteht Charisma und was macht einen Politiker beliebt?

Googled man “Politiker Ranking” finden sich zahlreiche solcher Ranglisten und Vergleichs-Skalen, auf denen abzulesen ist, wie Bürger diesen oder jenen Politiker bewerten. Nur: Woran machen sich entsprechende Bewertungen eigentlich fest? Wie kann jemand ohne tiefere Kenntnis über die tatsächlich geleistete Arbeit in einem Ressort urteilen? Welche Rolle spielen dabei äußere Umstände wie Tonalität in den Medien, Selbstvermarktung und eben Charisma?

Der sog. Anker-Effekt (Kahneman/Tversky 1974) besagt, dass sich Menschen zur Beantwortung von numerischen Fragen (“Wie groß ist die Fläche des Bundeslandes Hessen?”) an willkürlich gesetzten Vergleichswerten orientieren. In einer vielbeachteten Studie übertrug der US-amerikanisch-israelische Verhaltensökonom Dan Ariely diese Heuristik auf Preisbildung. Was, wenn nicht Angebot und Nachfrage, sondern ein willkürlich gesetzter Anker-Wert die Zahlungsbereitschaft von Individuen beeinflusste? In einem entsprechend konzipierten Experiment zeigte sich, dass nicht etwa der “tatsächliche” Wert eines Gutes den Preis bestimmte, sondern ein im Vorfeld willkürlich gesetzter Anker-Wert. In diesem Fall: Die letzten 2 Ziffern der Sozialversicherungsnummer der Probanden.

“This, then, is what we call arbitrary coherence. Initial prices are largely ‘arbitrary’ and can be influenced by responses to random questions; but once those prices are established in our minds, they shape not only what we are willing to pay for an item, but also how much we are willing to pay for related products (this makes them coherent.)” (Ariely 2010, 32)

Die Frage, die sich hier nun stellt, ist folgende: Lässt sich dieser Effekt auch auf die Bewertung von Politikern übertragen? Würden sich Probanden bei der Bewertung von (vermeintlichen) Politikern von einem willkürlich gesetzten Anker-Wert leiten lassen? Dies galt es in einem kurzen Experiment im Rahmen der Ringvorlesung am vergangenen Mittwoch herauszufinden.
Der Versuchsaufbau glich dabei dem von Dan Ariely. Die Probanden wurden gebeten, auf einem dafür vorgesehenen Zettel die letzten 2 Ziffern ihrer Kontonummer einzutragen. Im Anschluss habe ich Portrait-Aufnahmen von 4 Menschen gezeigt (siehe oben im Beitrag), und diese als Lokalpolitiker ausgewiesen. Die Probanden sollten dann auf einer Skala von 0 – 99 die Personen in den folgenden Kategorien bewerten:

– Kompetenz
– Charisma
– Nahbarkeit
– Zuverlässigkeit
– Anziehungskraft / allg. Wirkung

Die nachfolgende Tabelle zeigt die Ergebnisse. Zu sehen sind die durchschnittlichen Bewertungen der jeweiligen Personen über die abgefragten Eigenschaften, gruppiert nach höhe der Anker-Werte. Die Spalte “p-value” gibt an, ob es sich hinsichtlich der Bewertung der jeweiligen Person um einen statistisch signifikanten Zusammenhang handelt. Das ist hier eindeutig nicht der Fall. Von einem hierfür notwendigen P-Wert von 0.05 o.Ä. sind sämtliche Modelle – auch heruntergebrochen auf einzelne Dimensionen – meilenweit weg. Ein Anker-Effekt auf die Bewertung von Personen konnte nicht nachgewiesen werden.
Interessant wäre es nun, herauszufinden ob Berichterstattung/Medienspin als Anker-Wert einen anderen Effekt erzielen würde. Anders als im sehr lesenswerten Buch von Dan Ariely verhielten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer der Ringvorlesung erstmal nicht predictably irrational und das ist ja auch schon mal etwas.

N=1040-1920-3940-5960-7980-99p-value
Person 166,4367,2257,9260,3568,520,582
Person 267,9164,2356,8761,3862,630,437
Person 359,5858,4847,5553,4758,730,736
Person 462,758,3354,8960,7859,760,766
Predictably irrational?

Zu Gast bei Fakt Ist! im MDR

Spannende Diskussion gestern Abend live im MDR-Fernsehen zu Rolle und Einfluss von sozialen Medien auf Wahlentscheidungen. Leider etwas knapp in der Zeit, einen mir wichtigen Punkt konnte ich jedoch machen:

Soziale Medien sind ein Mobilisierungs-Hebel in Kampagnen. Damit dieser auch funktioniert, müssen (!) Parteien und Politiker ihre Kommunikation mit besseren Ressourcen ausstatten. Nicht (nur) Geld, sondern vor allem Zeit.

Zeit dafür, insbesondere zwischen zwei Wahlterminen mit Sorgfalt eine Community aufzubauen, auf die im Wahlkampf dann zurück gegriffen werden kann. Ein überhasteter Sturm auf dieses oder jenes Medium kurz vor der Wahl ist ineffizient und schadet mehr als dass es nützt. (Ab Minute 47:00)

Die ganze Sendung ist hier in der Mediathek zu sehen: https://lnkd.in/d3yv93K

Zu Gast bei Fakt Ist! im MDR

What If We Are All Just Trained Monkeys? Ringvorlesung #PolKommHH

Die Debatte über die Rolle digitaler Kanäle zur Vermittlung von Politik reißt auch im Jahr 2019 nicht ab. Nicht erst seit der Kontroverse um das so genannte Rezo-Video ist sichtbar, wie sehr Parteien und Institutionen unter Druck stehen. Sei es im Ringen um den richtigen Ton, die Auswahl passender Formate oder ganz grundsätzlich über den Zugang zu unterschiedlichen Zielgruppen und Wählerschichten. Die oftmals beklagte Ratlosigkeit politischer Akteure ist dabei Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung. Angesichts einer sich immer weiter fragmentierenden Öffentlichkeit stellen sich dabei grundsätzliche Fragen darüber, wie Meinung entsteht, gemacht und rezipiert wird. Klar ist: Der Medienwandel und die damit einhergehenden technologischen Veränderungen, fordert die Politik. Etablierte Spielregeln für die Vermittlung von Politik verändern sich von Grund auf.

Wie gelingt ein digitaler Bürgerdialog auf Augenhöhe? Wie verändert sich das Debatten- und Meinungsklima unter Einfluss algorithmisierter Öffentlichkeit? Und wie entsteht unter Einfluss der oben genannten Faktoren eine politische Präferenz?

Diesen und weiteren Fragen geht die zweiten Auflage unser Ringvorlesung nach. Gemeinsam mit Gästen aus Wissenschaft, Praxis und Politik werfen wir ein Schlaglicht auf den Status Quo der politischen Kommunikation in Deutschland. Die Auswahl der diesjährigen ReferentInnen verspricht dabei neben sieben abwechslungsreichen Vorträgen vor allem Eines: Debattenfreude.

Den Auftakt leistet am 23.10. Carline Mohr, die seit Anfang des Jahres den SPD Newsroom im Willy-Brandt-Haus verantwortet. Das Newsroom-Konzept als Plattform zur Schaffung parteinaher Inhalte ist dabei nicht unumstritten. Umso interessanter also der Ausblick auf Carline’s Erfahrung aus der Praxis.

Am 30.10. begrüßen wir darauf hin Prof. Dr. Katharina Kleinen- von Köngislöw und Mareike Wieland. Beide Forscherinnen sind an der Universität Hamburg tätig und arbeiten zu Medienwirkung und Online-Nachrichtenkonsum. Ihr Vortrag zum Auswahlverhalten von Rezipienten unter Einfluss eines latenten Überangebots wird Aufschluss darüber geben, wie Menschen Nachrichten konsumieren und was dies für die Vermittlung von Politik bedeutet.

Am 6.11. präsentiere ich dann die ersten Ergebnisse aus meiner aktuellen Laborstudie. Es geht um die Frage, ob und wenn ja, wie durch digitale Kommunikation Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse gewonnen werden kann. Dazu bediene ich mich Argumenten aus der Neurologie und Suchtforschung um am Beispiel von Instagram zu zeigen, wie sich die Darreichungsform des politischen Inhalts auf die individuelle Bewertung auswirkt. Da bis heute ungeklärt ist, ob digitale Kommunikation und entsprechendes Targeting überhaupt eine Verhaltensänderung auf individueller Ebene hervorrufen kann, können die Erkenntnisse einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte leisten.


Am 13.11. findet keine Veranstaltung statt. Weiter geht es dann am 20.11. mit einem Streitgespräch über Anspruch und Wirklichkeit digitaler Wahlwerbung. Auf dem Podium begrüße ich Martin Fuchs, Politikberater und Blogger sowie Jochen König der auf digitale Methoden spezialisierten Politikberatung Cosmonauts & Kings. Die beiden Experten bringen Impulse aus der Praxis mit nach Hamburg und haben eine lebhafte Diskussion angekündigt.

Am 27.11. bleibt die Veranstaltung in der Praxis: Aus Bremen begrüßen wir den Landesvorsitzenden der CDU Bremen und Mitglied der Bremischen Bürgerschaft Carsten Meyer-Heder. Als Quereinsteiger gelang Carsten Meyer-Heder nicht nur ein historisch gutes Wahlergebnis im SPD-Stammland Bremen. Meyer-Heders Kampagne löste sich vielmehr in Optik und Ansprache weit von der Mutterpartei und sorgte mit unkonventionellen Ansätzen für Aufmerksamkeit und Mobilisierung. Über die Entwicklung der Kampagne und deren Beitrag zum Wahlergebnis spricht Carsten Meyer-Heder.

Dass Kampagnen längst nicht nut die eigene Wählerschaft mobilisieren sollen, sondern dabei auch in Kommunikationsräume politisch unentschlossener Vorstoßen, ist kein Geheimnis. Doch wie steht es um die dabei viel beschworenen “Echokammern” und “Filterblasen”? Diese und weitere Fragen zu Social Media Nutzung beantwortet Lisa Merten vom Hans-Bredow-Institut in ihrem Vortrag am 04.12.

Zum Abschluss spricht Simon Kruschinski am 11.12. über seine aktuelle Forschung zum Einsatz und Wirkung von Facebook-Targeting. Von Simons’ Datensatz und Kenntnis der Materie konnten wir uns bereits im vergangenen Jahr einen Eindruck machen. Umso mehr freuen wir uns, dass Simon erneut dabei ist und über die Rolle von Facebook-Targeting im hessischen Landtagswahlkampf 2018 spricht.

Die Ringvorlesung beginnt am Mittwoch den 23.10.2019 um 18:15 an der Universität Hamburg (Von-Melle-Park 9, Hörsaal Erdgeschoss). Gäste sind herzlich willkommen. Ein Livestream ist stand aktueller Planung nicht vorgesehen.
Anbei das Programm:

What If We Are All Just Trained Monkeys? Ringvorlesung #PolKommHH

Political Influencers? Instagram Case-Study Bundestagswahl 2017

Meine Studie zur Instagramnutzung von SpitzenpolitikerInnen ist Anfang des Jahres im Sammelband “Facetten Politischer Kommunikation” erschienen. Meinen Beitrag nun hier zu Download.

Political Influencers? Instagram Case-Study Bundestagswahl 2017

Junge WählerInnen und Social Media: Gedanken zur strategischen Ansprache

Zur Bundestagswahl 2021 sind rund 2.880.000 junge Menschen aufgerufen, das erste Mal ihre Stimme bei einer Bundestagswahl abzugeben. Wie viele ErstwählerInnen von ihrem Recht am 24. Oktober 2021 tatsächlich Gebrauch machen, ist angesichts knapper Mehrheitsverhältnisse im Sechs-Fraktionen-System eine strategisch relevante Frage. Zur Erinnerung: Bei der Landtagswahl in Hessen 2018 entschieden 66 Stimmen über das Mandat, was der schwarz-grünen Regierungskoalition die Mehrheit sicherte (Vgl. DER SPIEGEL 2018). Grund genug also, einmal genauer hinzuschauen, was Erst- und JungwählerInnen mobilisiert und welche Rolle soziale Medien dabei spielen können.

Erst- und JungwählerInnen, Parteien und Kampagnen – it’s complicated

Ob und in welchem Ausmaß Parteien Erst- und JungwählerInnen dezidiert ansprechen und mobilisieren, ist pauschal kaum zu beantworten. Erstens unterscheidet sich der Zugang zur jungen Zielgruppe bereits grundlegend entsprechend des politischen Profils: Parteien des bürgerlich-konservativen Lagers haben hier traditionell größere Schwierigkeiten, als Parteien des progressiv-linken Lagers. Einzig die FDP hatte bei der Bundestagswahl 2017 zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen kaum Varianz (Vgl. Der Bundeswahlleiter 2018, 6).

Zweitens greifen bei Jung- und ErstwähleInnen altersbedingte Effekte, wonach Wahlmotivation und Altersstruktur in einem stabilen Verhältnis zueinanderstehen: Das Start-Up-Slow-Down-Model beschreibt für junge Menschen den Akt der Wahl zunächst als etwas attraktives, Neues. Der Reiz, erstmalig die Stimme abzugeben hebt unter ErstwählerInnen (18 bis 20 Jahre) die Wahlbeteiligung an. Dieser Effekt ist jedoch kurzlebig: JungwählerInnen zwischen 21 und 25 Jahren weisen die niedrigste Wahlbeteiligung auf, erst mit zunehmendem Alter steigt die Wahlbeteiligung erneut an (Vgl. Falter/Schoen 2014, 881).

Die Aufwertung potentieller Stimmen in klar umrissenen Zielgruppen

Das strategische Zusammenspiel von Aufwand und Nutzen bei der Erst- und Jungwähleransprache steht drittens folglich in einem schwierig zu beschreibendem Verhältnis. Die Varianz über Wahlmotivation und Absicht innerhalb der jungen Zielgruppe wurde bisher ergänzt von einem relativ geringen Gewicht der potentiell zu gewinnenden Stimmen. Im Sechs-Fraktionen-System und seinen knappen Mehrheitsverhältnissen hingegen steigt der relative Wert des absoluten Anteils an Erst- und Jungwählerstimmen. Die Gruppe der ErstwählerInnen erfährt somit eine Aufwertung, als dass die Ansprache und Mobilisierung junger Wähler erstmalig zu messbaren Verschiebungen im Zweitstimmenanteil und damit der Sitzverteilung führen kann (und wird). Spätestens zur Bundestagswahl 2021, aber auch bereits zur kommenden Europawahl und den anstehenden Landtagswahlen in Bremen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen ist folglich mit einer sichtbaren Ansprache der jungen Zielgruppe durch Parteien und PolitkerInnen zu rechnen. Das strategische Rational dahinter ist simpel: Selbst, wenn beispielsweise zur kommenden Bundestagswahl nur 25% der ErstwählerInnen mobilisiert werden können, entspräche dies einem absoluten Stimmenzuwachs von 740.000 abgegebenen Stimmen.[1]

Für zukünftige Wahlen ist die Gruppe der Erst- und Jungwähler somit vor allem eines: Ein klar beschriebenes Stimmenreservoir. Die Vorzüge der strategischen Erstwähleransprache sind dabei in der klaren, soziodemographischen Situation der Zielgruppe und den damit verbundenen Grundannahmen zu sehen: Die Varianz hinsichtlich Lebenssituation, monatlichem Einkommen, Bildungsabschnitt- und Abschluss, sowie Medienkonsum- und Rezeptionsverhalten dürfte deutlich geringer ausfallen, als in älteren Wählerschichten.

Mobilisierungspotentiale nutzen mit Social Media?

Soziale Medien spielen bei der Mobilisierung eine zentrale Rolle. Laut ARD/ZDF- Onlinestudie nutzen 48% der 14 – 19-jährigen täglich Instagram, 44% geben an, Snapchat täglich zu nutzen (Frees/Koch 2018, 410). Dass dies eine Präsenz von Parteien und PolitikerInnen in den bevorzugten Medien der jungen Zielgruppe erfordert oder wenigstens nahelegt, ist selbstredend. Nicht aber, wie diese Kanäle für die politische Kommunikation und die Mobilisierung genutzt werden können, und welche Folgen eine Verschiebung politischer Kommunikation von der Fläche auf tragbare Endgeräte haben kann: 86% der unter 30-jährigen nutzen täglich ein Smartphone, „die Bedeutung, die das Fernsehgerät für die Gesamtbevölkerung hat, nimmt bei den 14- bis 29-jährigen das Smartphone ein.“ (Frees/Koch 2018, 410) Wie sich das veränderte Rezeptionsverhalten auf (Wahl)-Entscheidungen und die politische Sozialisation junger Menschen auswirkt, ist noch nicht abzusehen und Teil meiner derzeitigen Forschung. Ein kurzer Abriss:

Emotionale Ansprache, affektives Verhalten

Studien aus der Verhaltensökonomie, der Psychologie und auch der Wahlforschung legen nahe, dass unter Einfluss medialer Reize der Zugang zu politischen Themen erleichtert wird. Lau & Redlawks (2001) konnten zeigen, dass WählerInnen in komplexen Situationen gefühlsgeleitet entscheiden. Soziale Medien scheinen dabei besonders gut dazu geeignet zu sein, affektive Bindungen zu triggern, indem sie die emotionalen Grundlagen von Wählerurteilen beeinflussen (Robertson 2018). Durch eine emotionale, visuelle Ansprache können kognitive Anker gesetzt werden, die insbesondere politisch kaum gebildete Menschen bzw. Menschen mit geringem Interesse an Politik den Zugang zu PolitikerInnen und deren Themen ebenen können. Der Akt des Wählens wie auch die vorgelagerte Entscheidungsfindung verschiebt sich dabei theoretisch von einem deliberativen Akt zu einer eher subjektiv gesteuerten, affektiven Reaktion (Vgl. Hügelmann 2019, 37-39). Letzteres ist demokratietheoretisch nicht unproblematisch, da angesichts knapper Mehrheitsverhältnisse die theoretische Möglichkeit besteht, durch die gezielte Mobilisierung relativ kleiner Gruppen den Ausgang von Wahlen gezielt zu beeinflussen.

Fazit?

Ungeachtet dessen gehört die emotionale Ansprache in Social Media und die Nutzung niedrigschwelliger Formate zur Vermittlung politischer Botschaften inzwischen fest zum Repertoire von Kampagnen.  Meine Studie über die Instagram-Nutzung deutscher SpitzenpolitkerInnen zur Bundestagswahl 2017 konnte zeigen, dass Interaktionen mit politischen Profilen auf Instagram dann besonders hoch waren, wenn der jeweilige Post selbst eine politische Komponente aufwies. Dies lässt Rückschlüsse darüber zu, wer auf Instagram PolitikerInnen folgt und wie sich der Kanal dementsprechend in eine Crossmediale Kampagnenstrategie zur Mobilisierung junger WählerInnen einbetten lässt (Vgl. Hügelmann 2017, Hügelmann 2019).

Viralität und social metrics ersetzen dabei keine politische Basisarbeit, sie steigern jedoch die Wahrscheinlichkeit einer zielführenden WählerInnen-Ansprache. Für eine demokratische Öffentlichkeit bedeutet dies Chance und Herausforderung zugleich. Chancen, als dass Social Media den Zugang zu politischen Themen erleichtern kann. Herausforderung, weil die Vermischung von politischen und unpolitischen Botschaften durch Akteure in den sozialen Medien das Erkennen von Fehlinformation, Wahlbeeinflussung und Steuerung komplexer und schnelllebiger machen. 

Verweise:

Der Bundeswahlleiter (2018). Pressekonferenz “Repräsentative Wahlstatistik zur Bundestagswahl 2017” am 26. Januar 2018 in Berlin, in: https://www.bundeswahlleiter.de/dam/jcr/9d64fb87-0d12-478b-88ed-df4b6ad0e2a1/btw17_rws_pk_statement.pdf

DER SPIEGEL (2018). Grüne doch zweitstärkste Kraft in Hessen, in: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hessen-gruene-bleiben-auf-platz-2-66-stimmen-vorsprung-auf-spd-a-1238765.html

Falter, J., Schoen, H. (2014). Glossar. In Falter, J., Schoen, H. (Hrsg.) Handbuch Wahlforschung 2. Auflage (S. 881). Wiesbaden: Springer VS.

Frees, B., Koch, W. (2018). ARD/ZDF-Onlinestudie 2018: Zuwachs bei medialer Internetnutzung und Kommunikation Ergebnisse aus der Studienreihe “Medien und ihr Publikum” (MiP). In Media Perspektiven 9/2018 (S. 398-413).

Hügelmann, B. (2017). Zusammenhang Anzahl Posts/Wachstum, in: https://politicalinfluencers.wordpress.com/2017/09/08/zusammenhang-anzahl-posts-wachstum/

Hügelmann, B. (2019). Political Influencers? How the usage of Instagram within political campaigns could affect decision-making and alter the outcome of elections. In M. Kretzler, E. Okon, L. Roßmannek & C. L. Simon (Hrsg.). Facetten Politischer Kommunikation: Von Campaigning und Public Affairs Management zu Deliberation und Fragmentierung (S. 21-43). Aachen: Shaker Verlag.

Lau, R., Redlawsk, D. (2001). Advantages and Disadvantages of Cognitive Heuristics in Political Decision Making. In: American Journal of Political Science, Vol. 45, No. 4 (Oct., 2001). pp. 951-971.

Robertson, J. (2018). Prospect Theory, Loss Aversion, and the Impact of Social Media and Online Activity: Political Affect and the 2016 American Presidential Elections. In M. Oswald & M. Johann (Eds.), Strategische Politische Kommunikation im digitalen Wandel (pp. 63–95). Wiesbaden: Springer Nature.


[1] Gemessen an den Zahlen der BTW 2017 entspräche dies 1,53% der abgegebenen Stimmen.

Junge WählerInnen und Social Media: Gedanken zur strategischen Ansprache

On cognitive primes, attack ads, rats – and Joe Biden

Disclaimer: 

This is not a politically motivated piece. Everything outlined below goes in line with my PhD research at the University of Hamburg on political communications in a digital age and its effect on decision-making (and elections).

In 2006, Patrick Stewart and James Schubert issued a study on the effect of precognitive primes in political advertising. With their study, both authors were early explorers of the hypothetical ability to persuade voters through precognitive primes and hence subliminal messaging in multi-media. “Subliminals”, as Stewart and Schubert put it “may be presented as ‘precognitive’ stimuli in which images are presented so fast (less than thirty milliseconds) that an individual is not aware that he or she received such information, yet has processed it.” (Stewart and Schubert 2006, 104)

This was the case for a TV attack ad run by the RNC during the 2000 US presidential campaign that focused on Al Gore’s plan for subscription drugs for seniors. During the commercial, the narrator compared Al Gore’s policy-plans to those of George Bush. Towards the end of the clip, “the word ‘RATS’ appeared for a fraction of a second as the narrator claimed that ‘bureaucrats decide’. In separate experiments, researchers found that people who viewed the subliminal ‘RATS’ ad were less likely to trust Democrats to protect Medicare and less likely to support Gore than those who saw the ad without the ‘RATS’ prime.” (Crigler et al. 2018, 8)

Screenshot from the 2000 attack ad “RATS”

Hence, the authors claimed a potentially persuasive effect by activating a negative cognitive prime associated with the word “RATS” and concluded: “Should this research find significant effects from subliminals, there will be a need to develop policies concerning their use. Perhaps this need is best put by Watanabe et al. (2001), publishing in the science journal Nature:

‘When we are bombarded by unimportant information we hope that by consciously ignoring it, we will escape its effects. This belief now seems unwarranted. The brain seems to equate frequency with ecological importance, and even though this may once have been a good strategy, it may be less adaptive in the context of our manipulative, modern-day media. (p.847)’” (Stewart and Schubert 2006, 109).

What is important to note here is the following: Stewart and Schubert published their study on the 2000 election in 2006, the quote from Watanabe et al. on potential cognitive effects from over-mediatisation dates back to 2001. This was before we had web 2.0, before social media, and, most notably before the triumph of the smartphone. So, if potential persuasive effects from precognitive priming were apparent and existent when conveyed through linear TV, how big of an effect could a large scale, strategic deployment of precognitive primes and subliminal messaging unfold nowadays?

Now, fast forward to 2019. 

On April 24th, former vice president Joe Biden announced his candidacy for the upcoming presidential elections. The campaign started off with a YouTube/TV-spot that introduced the motivation of the candidate. Making use of powerful storytelling, the spots narrative connects Charlottesville from its role during the founding years of American constitutionalism to the Charlottesville car attack in August 2017. In the wake of the “Unite the Right”-Rally, a young woman was killed by a white supremacist. 19 people were injured. Quote Mr. Biden:

“And that’s when we heard the words of the President of the United States, that stung the world and shocked the conscience of this nation. He said there were quote ‘Some very fine people on both sides’ – Very fine people on both sides? With those words, the president of the United States assigned a moral equivalent between those spreading hate and those who have the courage to stand against it. And in that moment I knew the thread to this nation was unlike any I have seen in my lifetime.”
[01:13 – 01:48]

America is at stake

The spin is powerful as it sets the baseline for a core narrative that unfolds in the second half of the clip, namely that four more years for Donald Trump in the White House would substantially change American society and the character of the country. Quote Mr. Biden:

“The core values of this nation, our standing in the world, our very democracy, everything that has made America … America is at stake.”
[02:20 – 02:29]

There is something about this part in the ad that struck my attention. There is a hick-up in the audio track. Listen closely: As if the needle of a turntable jumped off the record for a split second, there is a cut between “[…] everything that has made America” and “America is at stake”. If you listen closely there appears to be even a slight shift in the pitch of Mr. Bidens voice. A coincidence? A mistake in video-editing/producing? Maybe, but wouldn’t that be unlikely given the level of professionalism a corresponding presidential campaign is set-up and working?

Traces in the Tweet

In addition, one might notice the odd orthography in the corresponding Tweet that published the video to Twitter and started the campaign. It is strange to see how the orthography of the tweet correlates with the hiccup in the audio track of the commercial:

Screenshot from @JoeBiden Twitter-Account, taken April 24th 2019

It is strange to see how the orthography of the tweet correlates with the hiccup in the audio track of the commercial. If the audio-hiccup is not a mistake – and the corresponding orthography makes this unlikely – then the hiccup was set in place on purpose. Given the potential of subliminals as outlined by Stewart and Schubert (2006), the strategic rationale for the campaign could be the activation of a (republican) precognitive prime targeted at non- and swing-voters. Here is how:

The half-sentence “[…] everything that has made America” before the interrupting “[…] America is at stake” resembles in orthography and narrative a very popular claim that persuaded many voters during the past presidential elections: Make America Great Again.

This resemblance triggers anticipation of emotions connoted with the claim. For those, who feel positively connected to the MAGA-claim, the prime could increase the likelihood of conception for the (patriotic) narrative that follows: “America is at stake”.  The hiccup in the audio track raises the chances that the claim and its narrative are realized.

Even if recipients are not anticipating a reference to “Make America Great Again”, there is a good chance that the hiccup will furthermore lead recipients to rewind the video. By assessing whether or not the hiccup is a technical flaw, recipients will listen to the narrative of “America is at stake” repeatedly.

A narrative, that in itself could appeal to swing-voters who voted republican for patriotic (or whatever) reason in 2016. A corresponding campaign-strategy then would embrace communicative concepts that transmit rather republican sentiments, which could work as a bait for (conservative) swing- or non-voters.

These are – if at all – educated guesses. However, given the potential of precognitive priming in a smartphone-centred digital media-landscape, I believe it is not unlikely that the Biden clip could be a leap towards cognitive campaign-strategies in the upcoming electoral race.

References: 

Stewart and Schubert (2006).Taking the “Low Road” with subliminal Advertisements: A Study Testing the Effect of Precognitive Prime “RATS” in a 2000 Presidential Advertisement, in: the Harvard International Journal of Press/Politics, October 2006. DOI: 10.1177/1081180X06293938

Crigler, Ann N., Hevron, Parker R. (2018). Affect and Political Choice, in: The Oxford Handbook of Political Communication, Oxford 2018, DOI: 10.1093/osfordhb/9780199793471.013.66

Watanabe, Takeo, Jose E. Nanez, and Yuka Sasaki. 2001. “Perceptual Learning without Perception.” Nature 413: 844-48.

On cognitive primes, attack ads, rats – and Joe Biden